Zwei Flaschen natives Olivenöl extra stehen nebeneinander im Regal, beide mit derselben Güteklasse, beide als hochwertig beworben. Trotzdem kann der Polyphenolgehalt der beiden Öle um ein Vielfaches auseinanderliegen.
In diesem Beitrag erfährst du, welche Polyphenole in Olivenöl vorkommen, warum sich der gemessene Gehalt zwischen Ölen teils erheblich unterscheidet und was der Polyphenolgehalt über die Qualität des Öls aussagt.
Inhaltsverzeichnis
Das Wichtigste in Kürze
Polyphenole sind natürliche Pflanzenstoffe der Olive. Dazu gehören unter anderem Hydroxytyrosol, Tyrosol, Oleuropein und Oleocanthal.
Der Polyphenolgehalt kann stark schwanken: Abhängig von Olivensorte, Reifegrad, Erntezeitpunkt, Verarbeitung und Lagerung.
Früh geerntete Oliven liefern meist Öle mit mehr Polyphenolen. Eine schonende, schnelle Verarbeitung und eine licht- und sauerstoffgeschützte Lagerung helfen, die empfindlichen Verbindungen zu erhalten.
Polyphenole sind bedeutend für die gesundheitliche Wirkung des Olivenöls. Laut dem EU Health-Claim können sie dazu beitragen, Blutfette vor oxidativem Stress zu schützen (1).
Was sind Polyphenole im Olivenöl?
Polyphenole im Olivenöl sind eine große Gruppe sekundärer Pflanzenstoffe, die natürlich in der Olivenfrucht vorkommen und teilweise ins Öl übergehen. Chemisch unterscheiden sich die einzelnen Verbindungen deutlich voneinander, weshalb sie sich auch in ihren Eigenschaften unterscheiden. Sie sind zugleich für einen Teil der Bitterkeit und Schärfe verantwortlich, die ein natives Olivenöl im Rachen hinterlassen kann.
Wichtig für das Verständnis: Nicht alle Polyphenole im Olivenöl sind chemisch gleich aufgebaut, und nicht jede Verbindung ist im selben Maß im fertigen Öl vorhanden wie in der ursprünglichen Frucht.
- Ein Teil der Polyphenole aus der Olive geht bei der Pressung ins Öl über.
- Ein anderer Teil verbleibt im wässrigen Presswasser oder im Trester.
- Während der Verarbeitung wandeln sich zudem manche Verbindungen chemisch um, sodass sich das Phenolprofil des fertigen Öls von dem der frischen Frucht unterscheidet (2, 3).
Außerdem: Polyphenole lassen sich nicht pauschal mit "Antioxidantien" gleichsetzen. Zwar wirken viele von ihnen antioxidativ, die einzelnen Verbindungen unterscheiden sich aber deutlich in Struktur, Konzentration und Eigenschaften, von der Bitterkeit über die Schärfe bis zur Haltbarkeit (3, 4).
Welche Polyphenole enthält Olivenöl?
Olivenöl enthält ein ganzes Spektrum verschiedener phenolischer Verbindungen. Besonders häufig im Zusammenhang mit Qualität, Geschmack und dem EU-Health-Claim genannt werden Hydroxytyrosol, Tyrosol, Oleuropein und Oleocanthal.
Verbindung |
Was sie auszeichnet |
Hydroxytyrosol |
Für den EU-Health-Claim relevante Verbindung; entsteht unter anderem bei Reifung und Verarbeitung aus Oleuropein (1–3) |
Tyrosol und Derivate |
Eng mit Hydroxytyrosol verwandt und Teil der für den Health-Claim relevanten Derivate (1, 2) |
Oleuropein und Derivate |
Besonders in unreifen Oliven enthalten und maßgeblich an deren Bitterkeit beteiligt; wird bei Reifung und Verarbeitung umgewandelt (2, 3) |
Oleocanthal |
Verantwortlich für einen Teil der typischen Schärfe bzw. des Kratzens im Rachen; chemisch eigenständig (4, 5) |
Hydroxytyrosol
Hydroxytyrosol gehört zu den wichtigsten und am besten untersuchten phenolischen Verbindungen im Olivenöl. Es entsteht unter anderem durch den Abbau von Oleuropein während Reifung und Verarbeitung (2, 3).
Besonders relevant ist Hydroxytyrosol für den EU-Health-Claim zu Olivenölpolyphenolen. Dieser bezieht sich auf Hydroxytyrosol und seine Derivate – nicht auf den Gesamtpolyphenolgehalt eines Öls (1).
Tyrosol
Tyrosol ist chemisch eng mit Hydroxytyrosol verwandt und kommt im Olivenöl sowohl frei als auch in gebundener Form vor. Auch Tyrosol zählt im Rahmen des EU-Health-Claims zu den relevanten Derivaten des Hydroxytyrosols (1, 2).
Oleuropein und seine Derivate
Oleuropein ist vor allem in unreifen Oliven enthalten und trägt zu deren charakteristischer Bitterkeit bei. Während der Reifung und Verarbeitung wird es teilweise in andere phenolische Verbindungen umgewandelt, darunter Hydroxytyrosol und weitere Derivate (2, 3).
Dadurch verändert sich auch das Phenolprofil des Öls: Früh geerntete Oliven weisen beispielsweise andere phenolische Verbindungen und häufig höhere Gesamtgehalte auf als reifere Früchte.
Oleocanthal
Oleocanthal ist eine eigenständige phenolische Verbindung und trägt zur typischen Schärfe und dem Kratzen im Rachen bei, die bei manchen nativen Olivenölen deutlich wahrnehmbar sind (4, 5).
Wichtig: Die Schärfe eines Öls lässt keinen direkten Rückschluss auf seinen Gesamtpolyphenolgehalt oder seinen Hydroxytyrosolgehalt zu. Unterschiedliche Polyphenole beeinflussen Geschmack und Eigenschaften auf unterschiedliche Weise.
Warum ist der Polyphenolgehalt von Olivenöl so unterschiedlich?
Der Polyphenolgehalt eines Olivenöls hängt von verschiedenen Faktoren ab und kann selbst bei Ölen derselben Güteklasse deutlich variieren. Besonders wichtig sind Olivensorte, Reifegrad, Erntezeitpunkt, Verarbeitung und Lagerung.
Olivensorte
Verschiedene Olivensorte unterscheiden sich in ihrer natürlichen Bildung phenolischer Verbindungen. Sorten wie Coratina oder Picual gelten beispielsweise häufig als vergleichsweise polyphenolreich. Der tatsächliche Gehalt hängt jedoch zusätzlich von Anbauregion, Klima, Reifegrad und Verarbeitung ab (2, 6).
Reifegrad und Erntezeitpunkt
Der Reifegrad zählt zu den wichtigsten Einflussfaktoren. Grüne, früh geerntete Oliven enthalten meist mehr Polyphenole als reifere Früchte. Mit zunehmender Reife kann der Polyphenolgehalt deutlich abnehmen.
Auch das jeweilige Erntejahr spielt eine Rolle: Temperatur, Niederschlag und Wasserverfügbarkeit beeinflussen die Bildung phenolischer Verbindungen. Deshalb können selbst Öle derselben Sorte und aus derselben Region von Jahr zu Jahr unterschiedliche Werte aufweisen (6, 7).
Verarbeitung und Temperatur
Auch die Verarbeitung beeinflusst, wie viele Polyphenole aus der Olive letztlich im Öl erhalten bleiben. Eine schnelle Verarbeitung nach der Ernte sowie geeignete Bedingungen bei Zerkleinerung und Malaxation können dazu beitragen, Verluste zu begrenzen (2, 8).
Dabei spielt auch die Temperatur eine Rolle: Höhere Temperaturen können den Abbau bestimmter phenolischer Verbindungen fördern. „Kaltgepresst“ allein ist deshalb kein Hinweis auf einen besonders hohen Polyphenolgehalt. Die Bezeichnung beschreibt lediglich eine gesetzlich festgelegte Verarbeitungstemperatur von höchstens 27 °C (8, 9).
Lagerung
Auch nach der Abfüllung können sich die Werte verändern. Licht, Sauerstoff und Wärme beschleunigen den Abbau von Polyphenolen. Dunkle oder lichtundurchlässige Verpackungen schützen das Öl daher besser vor diesen Einflüssen (10).
Wichtig: Ein angegebener Polyphenolwert bezieht sich immer auf eine bestimmte Charge und den Zeitpunkt der Analyse. Er kann sich während der Lagerung verändern. Deshalb sollte ein mg/kg-Wert immer im Zusammenhang mit Ernte, Analysezeitpunkt und Messmethode betrachtet werden.
Was bedeutet mg/kg bei Olivenöl?
Mg/kg steht für Milligramm pro Kilogramm Öl und beschreibt eine Konzentrationsangabe. Ein Wert von 500 mg/kg bedeutet, dass in einem Kilogramm des betreffenden Olivenöls insgesamt 500 Milligramm der jeweils analysierten Verbindung enthalten sind.
Entscheidend ist dabei immer die Frage: 500 mg/kg wovon? Ein analytischer Wert kann sich auf ganz unterschiedliche Dinge beziehen. Ohne diese Angabe lässt sich ein mg/kg-Wert kaum sinnvoll einordnen oder mit anderen Werten vergleichen.
- auf Gesamtpolyphenole als Sammelgröße,
- auf eine einzelne Verbindung wie Hydroxytyrosol,
- oder auf eine bestimmte, genau definierte analytische Methode.
Wie viel Polyphenole enthält Olivenöl im Durchschnitt?
Die Spannweite ist groß. Einfache, im Supermarkt verbreitete native Olivenöle liegen häufig im Bereich von etwa 50 bis 150 mg/kg Gesamtpolyphenole, gute native Olivenöle extra eher zwischen 200 und 400 mg/kg, und als besonders polyphenolreich vermarktete Öle deutlich darüber (9, 11).
Eine aktuelle Analyse von 100 nativen Olivenölen extra aus der Ernte 2024/2025 fand mittels moderner Analytik eine Spannweite von 43 bis 774 mg/kg Gesamtphenolen bei einem Mittelwert von 343 mg/kg (11).
Diese Zahlen zeigen vor allem eines: Ein einzelner Durchschnittswert sagt wenig über ein konkretes Öl aus. Relevant ist der tatsächlich für eine bestimmte Charge gemessene Wert, nicht eine allgemeine Erwartung an "Olivenöl" als Kategorie.
Gesamtpolyphenole und einzelne Verbindungen: Wie wird gemessen?
Für die Messung von Polyphenolen in Olivenöl kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz, die nicht zwangsläufig dasselbe erfassen. Der Folin-Ciocalteu-Test ist ein einfaches und weit verbreitetes Verfahren zur Bestimmung der Summe reduzierender Substanzen. Er ist jedoch nicht spezifisch für Polyphenole, da auch andere reduzierende Stoffe das Ergebnis beeinflussen können (3, 11).
Für die gezielte Bestimmung einzelner Verbindungen wie Hydroxytyrosol und seiner Derivate werden dagegen chromatografische Verfahren wie HPLC oder LC-MS/MS eingesetzt (12, 13). Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von 100 nativen Olivenölen extra zeigte deutliche Unterschiede zwischen den Methoden: Bei 81 % der Proben lag der mittels LC-MS/MS bestimmte Wert über dem Ergebnis des Folin-Ciocalteu-Tests. Während im Folin-Test 59 % der Öle unter 250 mg/kg lagen, waren es bei LC-MS/MS nur 26 % (11).
Daher sind Angaben wie „500 mg/kg Polyphenole“ nicht automatisch vergleichbar. Für die Einordnung eines Wertes sollten Messmethode und zugrunde liegende Definition des Polyphenolgehalts berücksichtigt werden.
Gesamtpolyphenole sind nicht dasselbe wie der EU-Health-Claim
Ein hoher Gesamtpolyphenolgehalt bedeutet nicht automatisch, dass ein Olivenöl den EU-Health-Claim verwenden darf. Der zugelassene Claim bezieht sich ausdrücklich auf Hydroxytyrosol und dessen Derivate, nicht auf den Gesamtpolyphenolgehalt.
Für die Verwendung des Claims muss ein Olivenöl mindestens 5 mg Hydroxytyrosol und dessen Derivate pro 20 g Olivenöl enthalten. Das entspricht rechnerisch 250 mg/kg.
Wichtig: Die 250 mg/kg beziehen sich nicht auf beliebige Gesamtpolyphenole, sondern auf die spezifisch relevanten Hydroxytyrosol-Verbindungen. Ein hoher Gesamtpolyphenolwert allein ist daher kein ausreichender Nachweis für die Verwendung des Claims (1, 3, 11).
Was bedeutet der EU-Health-Claim?
In der EU ist für Olivenöl folgende gesundheitsbezogene Angabe zu Polyphenolen zugelassen:
„Olivenölpolyphenole tragen dazu bei, die Blutfette vor oxidativem Stress zu schützen.“
Die Angabe darf nur verwendet werden, wenn die genannten Mengenanforderungen erfüllt sind. Zusätzlich muss darauf hingewiesen werden, dass die positive Wirkung bei einer täglichen Aufnahme von 20 g Olivenöl erzielt wird (1). Grundlage dafür ist unter anderem die wissenschaftliche Bewertung der EFSA (14).
Woran erkenne ich ein polyphenolreiches Olivenöl?
Nach der wissenschaftlichen Einordnung stellt sich für viele die praktische Frage, wie sich diese Kriterien beim Einkauf anwenden lassen. Eine kurze Checkliste hilft bei der Einschätzung:
- Ist der Polyphenolgehalt überhaupt analytisch angegeben, oder handelt es sich um eine unbelegte Werbeaussage?
- Bezieht sich die Angabe auf Gesamtpolyphenole oder auf eine spezifische Verbindung wie Hydroxytyrosol?
- Welche Einheit und welche Bezugsgröße werden verwendet, mg/kg, mg pro Portion, oder eine andere Angabe?
- Wann wurde die Analyse durchgeführt, und liegt sie zeitlich nah an der jeweiligen Ernte?
- Ist die Analyse nachvollziehbar, etwa durch ein Prüfzertifikat oder eine genannte Methode?
- Welche Olivensorte oder Sortenmischung wurde verwendet, und wann wurden die Früchte geerntet?
- Wie wurde das Öl gelagert und verpackt, in dunklem Glas, einer Dose, oder in klarem, lichtundurchlässigem Glas?
- Ist das Öl als natives Olivenöl extra klassifiziert, oder handelt es sich um eine andere Güteklasse?
Fazit
Polyphenole sind natürliche Bestandteile von nativem Olivenöl extra und beeinflussen unter anderem Geschmack und Stabilität. Gleichzeitig stehen bestimmte Polyphenole mit den gesundheitlichen Eigenschaften von Olivenöl in Zusammenhang. Ihr Gehalt kann jedoch je nach Sorte, Reifegrad, Ernte, Verarbeitung und Lagerung stark variieren.
Wer ein polyphenolreiches Olivenöl sucht, sollte sich deshalb nicht allein auf Begriffe wie „kaltgepresst“, die Farbe oder den Preis verlassen. Aussagekräftiger sind nachvollziehbare Analysewerte, Angaben zur Ernte und eine gute Lagerung.
Unser Experte
Was sind Polyphenole im Olivenöl?
Polyphenole sind natürliche Pflanzenstoffe in Oliven. Zu den wichtigsten zählen Hydroxytyrosol, Tyrosol, Oleuropein und Oleocanthal, welche sich in Struktur und Eigenschaften unterscheiden.
Wie viel Polyphenole sollte Olivenöl enthalten?
Es gibt keine universelle Mindestmenge. Für die Nutzung des EU-Health-Claims sind jedoch mindestens 5 mg Hydroxytyrosol und dessen Derivate je 20 g Olivenöl (etwa 250 mg/kg) vorgeschrieben.
Ist bitteres Olivenöl reich an Polyphenolen?
Bitterkeit hängt oft mit Polyphenolen wie Oleuropein zusammen. Sie ist jedoch kein exakter Maßstab, da verschiedene Verbindungen unterschiedlich zu Geschmack und Gesamtpolyphenolwert beitragen.
Enthält natives Olivenöl extra mehr Polyphenole?
Die Güteklasse allein garantiert keinen hohen Polyphenolgehalt. Der Wert kann auch innerhalb der Kategorie "nativ extra" von Öl zu Öl erheblich schwanken.
Verliert Olivenöl bei der Lagerung Polyphenole?
Ja. Sauerstoff, Licht und Wärme beschleunigen den Abbau der Polyphenole. Eine lichtgeschützte Lagerung in dunklen Flaschen hilft, den Gehalt länger stabil zu halten.
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